Eine bessere Geschichte – Katja Lell im Gespräch mit Adnan Softić

Softic_BiggerThanLIfe_Still_2

Das Gespräch wurde am 30.09.18 während Adnan Softićs Residence im Message Salon in Zürich geführt.

Katja: Lieber Adnan, ich freue mich sehr, dass du heute Zeit hast mit mir zu sprechen trotz deiner ganzen Projekte und Reisen, die du momentan machst. Ich verfolge deine künstlerische Praxis seit einigen Jahren und schätze die Komplexität und das Interdisziplinäre in deinen Arbeiten, die meines Gefühls nach immer dichter und vielfältiger geworden sind. Du arbeitest ja in unterschiedlichen Medien, wie Theater, Film, Buch und Videoinstallation. Vielleicht können wir am Ende des Gesprächs auf diesen Punkt zu sprechen kommen, den ich persönlich sehr spannend finde. Aber jetzt wollte ich mich auf dein neuestes Projekt fokussieren, den Film „BIGGER THAN LIFE“, der dieses Jahr rausgekommen ist. Der Film ist Teil der neuen VETO Film Edition #06 und wird dieses Jahr auch im Rahmen des VETO Film-Screenings im Metropolis gezeigt. Er hatte seine Premiere in Oberhausen, wo er auch mit den 3sat Förderpreis ausgezeichnet wurde. Um was geht es in dem Film?

Adnan: Es geht um das Zentrum der Stadt Skopje in Mazedonien, das momentan in eine Baustelle verwandelt wurde und wo eine scheinbar antike Stadt aufgebaut werden sollte. Im Gegensatz zu Las Vegas oder anderen Replika-Städten, die keine Probleme haben zuzugeben, dass sie Replikas sind, geht es hier einen Schritt weiter: Ohne, dass sie eine jegliche Art von archäologischer Basis haben, von der aus etwas wiederaufgebaut werden könnte, erheben sie Anspruch auf die antike Geschichte, um somit neben Athen und Rom zu dem Ursprungsorten des europäischen Narrativs dazuzugehören. Der Moment, der Imagination und Erinnerung zusammenbringt, der gleichzeitig auch der Moment ist, wo Nation Building und die Konstruktion der Nation in „realtime“ abgespult werden, hat mich sehr stark interessiert. Außerdem noch der Aspekt der Gewalt, der in Architektur mitschwingt. Den zu untersuchen und das zu verorten und zu verhandeln.

Katja: Und diese Baustelle, wie du das nennst: besteht aus verschiedenen Gebäuden, die momentan umgebaut werden, teilweise aus Ministeriumsgebäuden, die „antikisiert“ werden. Es beschränkt sich also nicht auf ein Gebiet in der Stadt, sondern geht durch die verschiedenen repräsentativen Orte der Stadt.

Adnan: Ja, es ist eine totale Überschreibung der aktuellen Vergangenheit mit einer besseren, idealisierten Geschichte. Dieser historische Idealismus ist etwas, was in meinem Fokus war. Es sind mehr als 30 Bauten, die sie zum Teil neu gebaut haben, aber zum größten Teil wurden die bestehenden Fassaden neu überzogen. Skopje hatte sehr viele brutalistische und modernistische Bauten und die wurden jetzt auch „verantikisiert“. Die Proportionen passen nicht überein, aber wen kümmert es. Wenn man ein wenig Gefühl hat, ist es sehr brutal sich sowas anzuschauen und es ist auch sehr hässlich. Für mich war es aber interessant zu merken, dass es die Touristen total anzieht und dass die Geschichte aufgeht oder aufgegangen ist auf eine bestimmte Weise. Und ich habe mich gefragt, ob es das erste Mal ist, dass sowas passiert. Ist das jetzt wirklich ein einmaliger und ein spezifischer Fall? Während der Arbeit an dem Projekt habe ich mehr und mehr Aspekte entdeckt, die zeigen, dass die Art, wie Geschichte in Europa gedacht und geschrieben wurde, ähnlich zu dem ist, was wir jetzt in Skopje vorfinden können. Dass es also etwas Charakteristisches in der Geschichtsschreibung gibt, was momentan in Skopje passiert.

Die neue Regierung hat das Projekt zwar aufgehalten, aber das Problem ist, es lässt sich nicht wieder zerstören. Es wäre sogar viel teuer es zu zerstören, als es weiterzubauen. Hier ist ein interessanter Aspekt, wie man mit Gewalt ein Narrativ implantieren kann, was später nicht mehr so einfach loszuwerden ist.

Katja: Du bist ja schon seit einigen Jahren dabei dem nachzugehen?

Adnan: Ja, ich habe 2013 angefangen. Als ich von dieser Baustelle gehört habe, war ich total fasziniert davon. Aufgrund meiner vorhergehenden Arbeiten, in denen ich mich ja oft mit dem Gap zwischen Erzählung und Realität befasst habe, war Skopje 2014 für meine künstlerisches Praxis ein Schatz an Themen, die ich da vorgefunden haben, mit denen ich mich auseinandersetzen wollte.

Ich bin dort hingegangen und mir war klar, ich wollte aus meiner Position als Bosnier, oder Deutscher, jedenfalls nicht als Einheimischer, einen Film machen. Das ist schonmal eine große Frage, wie weit kann man sich aus dem Fenster lehnen, wann wird es gefährlich und vielleicht unangenehm. In diesem Prozess wurde mir immer mehr klar, dass es ein Phänomen ist, das sich ebenfalls in Berlin oder Frankfurt oder Dresden vorfinden lässt. Dass es schon etwas ist, das nicht nur für die heutige Zeit spezifisch ist, sondern in der heutigen Zeit weltweit zunehmend an Relevanz und Popularität bekommt. Diese Art der Idealisierung einzelner Aspekte aus der Vergangenheit halte ich für sehr gefährlich. Und genau das findet sich eben auch an vielen anderen Orten, nicht nur in Skopje.

Adnan Softić

Katja: Dein Film besteht ja aus mehreren ästhetisch recht unterschiedlichen Teilen und filmischen Herangehensweisen an diese Skulptur- und Architektur-Ensembles. Teilweise gibt es ein recht persönlich anmutendes Voice-over, z.B. in dem Teil „Homesickness“. Meine Frage ist: Wie haben die Begegnungen vor Ort sich auf den Film ausgewirkt?

Adnan: Die waren essentiell für den Film. Das war etwas, was ich durch und durch als Grundlage benutzt habe. Viele Texte, die man im Film hört, sind eigentlich Zitate aus den Gesprächen, die wir hatten. Die Mehrheit der Menschen, die ich getroffen habe, fanden das Projekt grausam und gewalttätig. Viele von ihnen wollten sich mit mir nicht mal in diesen Stadtteilen treffen. Diese Stadtteile sind für sie gestorben. Sie beschrieben es als eine Enteignung der Stadt aus einer persönlichen Perspektive. Wenn du in einer Stadt lange gelebt hast, dort aufgewachsen und vielleicht sogar geboren bist, sind die Fassaden immer eine Art Bilderbücher, die eine Art von persönlicher Erinnerung speisen und aufbewahren. Wenn diese Fassaden nicht mehr vorhanden sind und das Ganze plötzlich eine neue Aufmachung bekommt, die nichts mehr mit dir zu tun hat, dann ist es ja auch auf der Ebene ein Gewaltakt. Wenn man vor Ort ist und sich das so anschaut, was es für ein Ausmaß angenommen hat und dass es inzwischen eine andere Stadt ist, könnte man sagen, dass die Menschen mit den Erinnerungen „zwangsumgesiedelt“ wurden. Die Minderheiten, und das sind wirklich sehr große Minderheiten, ca. 30% Bewohner*innen haben einen albanischen Hintergrund. Dort lebt auch die größte Roma Community in ganz Europa. Auch viele Mazedonier*innen, die mit diesem Großprojekt „Skopje 2014“ nicht einverstanden sind, werden ins Exil verschickt – auf einer symbolischen Weise. Sie alle kommen in den Narrativen der Skulpturen nicht vor und werden irgendwann nicht als zugehörig gelten. Es ist interessant zu sehen, wie durch Architektur die „Ausländer“ erfunden werden können: Menschen, die dort seit Jahrhunderten Vorfahren haben, aber plötzlich, wegen einer „besseren“ Geschichte, nicht mehr dazugehören können.

Deswegen ist der Akt „Jovana – Homesickness“ im Film aus der privaten Wohnung von Jovana gefilmt. Es geht um diesen persönlichen Blick auf das, was geschieht. Der steht gegenüber zu dem Akt „Vasil – The Birth of a Nation“. Und Vasil ist ein stolzer Nationalist, der auch gut begründen kann, warum das dort gebaut werden muss und weshalb wir das nicht als problematisch wahrnehmen sollen. Der Bildtypus ist bei beiden Akten ein ganz anderer. Beim Nationalisten würde ich sagen: Sie sind immer „objektiv“, d.h. sie verkennen Subjektivismus. Sie verkennen die Relevanz einer subjektiven Wahrnehmung. So etwas gibt es einfach nicht. Es gibt nur ein narzisstisches Bild von der kollektiven Identität, das mit allen denkbaren Mitteln gefüttert werden muss. Ich fand die Kluft zwischen diesen Perspektiven spannend und klärend zugleich.

Katja: Ja, diese Vielperspektivität und die unterschiedlichen Ästhetiken führen bei mir dazu, dass ich nicht weiß, welche Blicke ich im Film annehme und wie meine Position zu diesem Bauvorhaben ist und auch die des Films nicht klar feststellen kann. Der Film gibt Stimmen im O-Ton wieder, wie bereits besprochen die Argumente von Vasil oder auch Jovana. Dadurch bauen sich Spannungen auf, die nicht aufgelöst werden. Es ist jetzt weniger eine Frage als die Beschreibung einer Erfahrung, über die ich längere Zeit nachgedacht habe.

Adnan: Es war mir sehr wichtig eine Vielschichtigkeit zu organisieren und Verunsicherungen herzustellen. Es geht auch gar nicht um meine Meinung, obwohl ich sagen würde, dass meine Meinung auf einer Art erkennbar ist. Jeder, der von diesem Projekt begeistert ist, würde nicht so viel Kritik organisieren wollen und sich so viele Gedanken machen, welche mögliche Folgen ein solches Projekt hat.

Filmisch haben mich zwei unterschiedliche Formen interessiert. Und zwar das Essayistische, eine Form, die Reflexion über das Gezeigte und Besprochene mitdenkt. Aber mir war es auch wichtig, dass man nicht nur gedanklich und rational versteht, was Vasil oder Jovana sehen und denken, sondern, dass man das auch fühlt. Deswegen hat mich irgendwann dann das Format der Oper immer mehr interessiert, zumal Oper eine wichtige Funktion gespielt hat, bei der Gründung von Nationen im 19. Jahrhundert.

Softic_BiggerThanLIfe_Still_1

Auch vor Ort in Skopje werden die Statuen mit Wassermusik bespielt, dort hört man auch Wagner oder Smetana, Tschaikowskij, Verdi, die durch ihre Kompositionen nationale Mythen mitkonstruiert haben. Hier offenbart sich in Skopje eine stilistische Technik, wie Geschichte geschrieben wird und wie Nation gedacht wird, die alle erdenklichen Systeme umfasst, eben auch Emotionen und Affekte und nicht nur das Rationale. Wichtig war es für den Film, dass es möglich ist, vollständig in die Musik und die damit verbundenen Emotionalität einzutauchen. Wichtig war es den jeweiligen Bildtypus vorzuführen, um es somit auch thematisieren zu können. Wir mussten sehr viel filtern und überlegen, wie können diese Bilder und Töne so geordnet werden, dass eine Vielperspektivität erhalten bleibt, es trotzdem aber eine Dichte hat, die stark und vereinnahmend ist. Am Ende hatten wir eine Art von Monster, was irgendwie mehrere Medien gleichzeitig bedient. Es ist ein Film aber auch ein Musikstück, eine Komposition, die 30 Minuten dauert und man kann eigentlich auch das Bild ausschalten und es würde genauso funktionieren. Es entzieht sich sehr vielen denkbaren und gängigen Formaten, was ein Punkt ist, auf den wir lange hingearbeitet haben. Etwas, das in sich gut funktioniert, aber es bleibt immer eine Unsicherheit wo, in welche Kategorie es denn jetzt genau hingehört.

Katja: „You become what you are imitating“ ist ein Satz aus dem Voiceover, der mir bei mir hängengeblieben ist. Ich finde, dass der Satz auf mehreren Ebenen auf den Film und das dort Gezeigte zutrifft. Einerseits zeigt er die Gefahr auf, von der du vorhin gesprochen hast: Nation Building als Konstruktion, die Ausländer*innen herstellt und eine Fiktion einiger Mächtiger zur Wirklichkeit aller in Mazedonien lebender Menschen macht. Andererseits finde ich, trifft der Satz auch auf den Film selbst zu. Der Film imitiert ja teilweise gewisse affirmative Ästhetiken und bleibt ja eigentlich sehr nah an der Kitsch-Ästhetik, die sich in den Skulpturen-Ensembles manifestiert.

Adnan: Ja, das ist ein Teil der dokumentarischen Treue, da ich versucht habe etwas auch ästhetisch zu wiederholen. Also nicht unbedingt aus einer anderen Bildlogik heraus etwas zu betrachten, sondern hier war das Gegenteil der Fall. Wir haben versucht, die Skulpturen und die Architektur viel eindrucksvoller aufzunehmen, als sie eigentlich in Wirklichkeit aussieht, also Bilder herzustellen, die dem idealisierten Bild entsprechen. Wir haben die Statuen so gefilmt, dass der Hintergrund schwarz ist, sodass die Stadt dahinter ausgeblendet ist. Es ist also nicht klar, wo es ist, ob es vielleicht im Studio gefilmt und inszeniert wurde. Es geht um die Vorstellung von einem bestimmten Bild und diese „Blase“ darf nicht gestört werden. Gerade durch die Vorführung dessen, was es selbst gern sein will, kommt auch eine Offensichtlichkeit zustande, die auch der*dem Zuschauer*in ermöglicht zu reflektieren, aber auch zu genießen. Genau an der Stelle kann man sich selbst beim Genießen erwischen und darüber reflektieren und verstehen, dass es doch auch auf eine Art und Weise genießbar ist. Dann sieht man aber trotzdem an einigen Stellen Vogelkacke oder Spinnweben, wo die Stadt dann immer wieder auftaucht…

Katja: Das finde ich auch wichtig an dem Film, dass er nicht wo anders hin geht und mit dem Zeigefinger zeigt, was richtig und falsch ist. Das wäre ja eine Reproduktion von Macht, wenn ich als westlich sozialisierte Person sowieso schon in einer hegemonialen Sprache unterwegs bin und sage dann, was andere machen dürfen und was nicht. Während deiner Arbeit am Film sind ja auch Texte entstanden, wo du diese Fragen im Medium der Sprache weiter reflektiert hast.

Adnan: Ja, irgendwann habe ich festgestellt, dass nicht alle Gedanken, die ich mir zu „Skopje 2014“ gemacht habe, den Film reingehören, sondern dass sie irgendwo anders einen Platz finden müssen. Ich habe Texte geschrieben, die ich gleichzeitig während der Produktion des Filmes in verschiedenen Medien veröffentlicht habe. Es waren unter anderem literarische Texte, die im Theaterkontext aufgetaucht sind, dann ein Essay, der in der „Zeit“ erschienen ist, mal war es eine wissenschaftliche Plattform „Traces Journal“ aus Italien, die sich mit Nachlass beschäftigt. Für mich ist das Schreiben eine eigenständige Praxis, wo ich die Möglichkeit habe mit anderen Menschen zu kommunizieren und eigene Kreise zu verlassen. Beim Zeitungsartikel hat man z.B. mit sehr vielen Menschen zu tun. Und jetzt sind wir gerade dabei ein Hörspiel zu machen. Die fragmentarische und geschichtete Arbeitsweise hat einen schönen Spielraum eröffnet, von wo aus unterschiedliche Formate bedient werden können. Wir werden z.B. auch in die Musikhäuser gehen, weil man es dort auch spannend gefunden hat, was wir da musikalisch veranstaltet haben: Es gehört sich nämlich einfach nicht, in die vorhandenen Notationen einzugreifen, und genau das haben wir ja ausgiebig gemacht. Wir haben einfach die vorhandenen Notationen modifiziert und in die Partituren, die nicht für Gesang vorgesehen waren, ein Operngesang eingearbeitet. Und jetzt erfahren wir, dass es auch für die Musikwelt eine interessante Vorgehensweise ist. Das freut mich sehr, auch weil es ein unterschiedliches Sprechen über die Fragen ermöglicht.

Katja: Ja, ich finde es interessant, was ich auch schon am Anfang angerissen habe, dass deine Praxis sich in unterschiedlichen Kontexten bewegt. Das ist eine sehr große Herausforderung. Ich kenne es auch aus meiner eigenen Biografie, wie es ist in verschiedenen Welten, Ländern, Medien zu arbeiten und es mit sehr unterschiedlichen Menschen zu tun zu haben. Und diese Multiperspektivität spiegelt sich für mich auch in der filmischen Struktur von BIGGER THAN LIFE wieder. Was mir aber noch in den Sinn kam, ist die Generationenfrage: Es tauchen ja immer wieder Kinderstimmen im Film auf, es sind z.B. auch Kinder auf dem Karussell zu sehen. Und dann gibt es noch diese im Voiceover erzählte Geschichte, wo ein Großvater seine Enkelin auf dem Platz hinter den Skulpturen von Alexander dem Großen filmt, die unscharf im Hintergrund verschwimmen, die gar nicht mehr auffallen, sondern zur unsichtbaren Normalität werden. Wenn du als ein Kind in Skopje 2014 aufwächst, ist das für dich die Wirklichkeit.

Adnan: Ja, es geht auch darum wie Gewissheit konzipiert wird. Gewissheit, die uns als unerschütterlich vorkommt; ein blinder Punkt, der unseren Standpunkt ausmacht. Das ist auch was, das zu einem bestimmten Zeitpunkt, häufig in der Kindheit, konstruiert wurde. Was bedeutet ein Setting in dem man aufwächst, das Gegebene, das Vorgegebene, diese scheinbare Ewigkeit? Ich bin auf die Welt gekommen und vor mir hat es die Welt gegeben, wahrscheinlich ewig so, wie ich sie vorgefunden habe. Und das ist eben der Moment, indem sich eine imaginierte Ewigkeit herstellt. Dieser Moment der Unschärfe in der Erinnerung ist sehr interessant.

Katja: In diesem Sinne interessiert es mich besonders, wie der Film in 10-20 Jahren z.B. in Skopje aufgenommen werden würde und überhaupt scheint es mir bei diesem Film besonders interessant in welchen Kontext er gezeigt wird. Ein Film ist ja nicht nur für Filmfestivals, hofft man zumindest als Filmemacher*in, obwohl Festivals auch schön und wichtig sind. Aber es geht auch darum zu überlegen, wo der Film sonst gezeigt werden könnte. Das ist ja auch eine Aufgabe von VETO Film oder so sehe ich zumindest meinen „Auftrag“. Also auch der Wunsch, Filme in unterschiedlichen Kontexten zu zeigen und den Film je nach Ort anders schauen zu können. Also diesen Film möchte ich gerne in 20 Jahren mal in Skopje zeigen.

Adnan: Der wird jetzt im Februar in Skopje gezeigt, da bin ich auch sehr gespannt. Ich habe auch Angst gehabt, wie die Reaktionen vor Ort ausfallen werden, trotz der Tatsache, dass ich mich sehr bemüht habe, dass meine Arbeit nicht als ein „Sich über andere stellen“ verstanden werden kann. Jetzt habe ich auch erste Feedbacks aus Skopje bekommen. An einer Stelle wurde mir gesagt, dass die Kunstszene vor Ort noch so unter Schock steht und dass sie sich freuen, dass sich jemand von außen Zeit genommen hat, das Ganze in andere Kontexte zu versetzen. Es ist klar, ich kann nicht alle in Skopje glücklich machen, es gibt z.B. auch einen sehr kritischen Artikel über den Film in Mazedonien, weil sie Probleme hatten, dass da so kritische Gedanken ausgesprochen werden. Ich bin in diesen Monat auf eine Konferenz in Stockholm eingeladen von Suzana Milevska einer Theoretikerin aus Mazedonien. Sie möchte mit mir über Skopje reden und das ist natürlich sehr angenehm zu wissen, das ich nicht an der Sache vorbeigeredet habe.

Katja: Das wäre tatsächlich auch meine letzte Frage gewesen, nach der Rezeption des Films, die wir jetzt ja schon besprochen haben. Und vielleicht noch kurz zum Ende: Du hattest ja schon erzählt, dass du den Film über die lange Zeit von 5 Jahren entwickelt hast und das in diesem Prozess Textpassagen in andere Arbeiten ausgewandert sind in verschiedene Texte, die du gerade auch schon genannt hast. Aber was relativ nah ist an dem Film ist ja dieses Buch „Eine Bessere Geschichte“, erschienen 2017 im adocs Verlag. Der Film nimmt sich Teile vom Buch und das Buch nimmt sich Teile vom Film. Könntest du noch kurz was zum Buch sagen?

Adnan: Ja, was für mich in der heutigen Zeit total wichtig ist: Dass man sich künstlerisch gegen eine banale Popularisierung der Welt versucht zu stellen. Wie ist es möglich einen Tiefgang herzustellen und differenzierter auf Phänomene zu schauen? Um mir selber die Welt zu erklären, in der ich mich gerade befinde. Meine künstlerische Arbeit ist auch ein Werkzeug dafür, mich einer bestimmten Sache zu nähern. Dabei entstehen viele Exkurse, in denen ich selbst gerne lange bleibe. Die haben nicht immer unmittelbar etwas mit dem Film zu tun, vielleicht eher auf eine subtile Art und Weise. Mich haben verschiedene Fragen sehr interessiert, die aber im Medium Text besser behandelt werden konnten als im Film. Wie z.B. die Frage nach Authentizität und den Wunsch nach Authentizität. Die Geschichte als Exklusivität, als Marke. Als Mittel der Verdrängung. Wie funktioniert das? Was ist überhaupt exklusiv an Geschichte? Wie könnte Geschichte noch gedacht werden? Ist sie ein Supermarkt und wie sollen wir darin einkaufen? Was tut sie mit uns und sollten wir sie nicht lieber loswerden? Können wir sie überhaupt loswerden? Befreien? Und wovon? Was ist mit dem Gap, der zwischen Geschichte und dem tatsächlich Vergangenen liegt? Wie erzählen? Was hat all das mit den Denkmälern zu tun und wie lässt sich unser kollektives, komplexes Gedächtnis überhaupt architektonisch organisieren. Sollen die Erinnerungen überhaupt vorsätzlich in die Fassaden eingeschrieben werden und wenn ja, wie? Fragen über Fragen… Mit der Zeit sammeln sich dann viele spannende Notizen und Texte, die ich ungern wegschmeißen möchte. Die können aber auch nicht alle in den Film rein, das wäre dann ein ganz überforderter und auch ein langweiliger Film. Jedes Medium hat auch einen bestimmten Grad von Tragfähigkeit und eine bestimmte Art von Sensibilisierungsvermögen und der Rest muss unbedingt raus. Diese Strategie ist für mich in diesem Augenblick eine ganz gute Lösung. Auf der einen Seite gibt es eine schriftliche Auseinandersetzung, wo sich die Gedanken so austoben können wie sie Lust haben. Und zugleich ergibt sich manchmal, dass aus diesen Gedanken ganze Blöcke „filmreif“ sind. Deswegen kannst du Textpassagen im Buch finden, die beinah eins zu eins im Film auftauchen.

Katja: Und dann ist das Buch für ganz andere Leute zugänglich, zugänglicher als so ein Film, den sie vielleicht gar nicht sehen würden und umgekehrt.

Softic_BiggerThanLIfe_Still_3

Adnan: Ja, es geht darum, was dich vielleicht auch so interessiert, um diese Frage: Wie kann man die Vielschichtigkeit organisieren? Und das versuche ich auf jede Art und Weise zu denken, weil ich darin gerade eine sehr wichtige Aufgabe sehe.

Katja: Das finde ich ist ein schönes Schlusswort. Vielen Dank für deine Zeit! Es war, wie immer, sehr reichhaltig mit dir zu sprechen.

Adnan Softić (*1975, Sarajevo Bosnien/Herzogowina) studierte Film und Ästhetische Theorie an der HFBK Hamburg. Seine Filme und Videoinstallation wurden u.a. gezeigt im Kunst- und Gewerbemuseum Hamburg (2018), MAXXI Rom (2018), Berlinische Galerie (2018), Kurzfilmfestival Oberhausen, Kampnagel Hamburg. Von 2016-2017 erhielt er das Villa Massimo Stipendium in Rom. Er lehrte mehrfach als Gast- und Vertretungprofessor an der HFBK Hamburg. Mehr zu Adnan Softićs Arbeiten: kinolom.com

Katja Lell (1987* Kopejsk, RUS) studierte Zeitbezogene Medien an der HFBK Hamburg (u.a. bei Jeanne Faust und Adnan Softic) und Pädagogik+Philosophie an der Universität Hamburg. Sie arbeitet an den Schnittstellen von Vermittlung/Film/Kunst und ist momentan wiss. Mitarbeiterin am Institut für Kunst und Kunsttheorie der Universität zu Köln. Sie ist Mitbegründerin von VETO Film.

Salon Message Embassy ist ein Artist in Residence-Projekt in Zürich organisiert von Esther Eppstein.

Advertisements