Vom Driften zwischen Hamburg und Wien – Betten, Bewegtbild, Laken, Kompliz*innen, und Krankheiten

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Filmstill “Autumn”, Nico Schmidt 2015

Dieser Text zeichnet eine gebrochene Linie, die mit einer Einladung nach Wien zu vielleicht zukünftigen Kompliz*innen beginnt und mit einer Rückkehr nach Hamburg zu langjährigen Freund*innen endet.

Autorin: Katja Lell

Collective Infrastructures ist der Titel einer Veranstaltungsreihe, die das Künstler*innenkollektiv Golden Pixel Cooperative 2019 in der Medienwerkstatt Wien organisiert. Im diesem Rahmen wurde VETO Film (Angela Anzi und ich) eingeladen, einen Dialog mit Katharina Swoboda, Lisa Truttmann, Marlies Poeschl (Golden Pixel Cooperative) zu führen und ein Filmprogramm zu präsentieren. The Feel, the Smell, the Scent of Things zeigte am 16.04.19 Filme von Chinook Schneider, Judith Rau, Rosanna Graf, *durbahn und Nicolaas Schmidt .

Collective Infrastructures – April in Wien

Im Künstler*innenkollektiv Golden Pixel Cooperative sind viele Mitglieder*innen zwischen den Disziplinen, d.h. als Künstler*innen, Filmemacher*innen und Theoretiker*innen tätig, was in einer sehr aktiven, nachhaltigen und intensiven Filmvermittlungsarbeit resultiert, die ich in diesem Text nur oberflächlich skizzieren kann.

In Programmen wie beispielsweise Weisses Licht, befragen die Mitglieder*innen ihre eigene künstlerische Praxis. Der Titel verweist auf das Zusammenkommen von Wellenlängen und Lichtfarben im weissen Licht und dient als Analogie für das Verhältnis der jeweiligen künstlerischen Arbeiten und der gemeinsamen Arbeit in der Kooperative. Andere Programme wie Verhältnisse (initiiert von Nathalie Koger) oder auch Collective Infrastructures laden externe Künstler*innen nach Wien ein, um sich mit ihnen zu vernetzen und auszutauschen sowie ihre Arbeiten einem Publikum in Wien zugänglich zu machen.

Ziel der Cooperative ist es „Austausch und Solidarität zwischen jungen Künster*innen, sowie verschiedenen Öffentlichkeiten zu initiieren und zu begleiten“, wobei die Entwicklung von nachhaltigen Strukturen von Distribution und Vermittlung von Video- und Filmkunst angestrebt wird (siehe Webseite). Dafür organisieren die Mitglieder*innen Veranstaltungen, die klassische Formate, wie das im Kino verortete Filmscreening, Workshops und Vorträge, sowie Ausstellungen und Videoinstallationen umfassen. Diese finden auch im internationalen Ausland statt wie z.B. Staging Mimikry in Shanghai 2017.

Die Programme und Ausstellungen zeigen häufig Arbeiten der Mitglieder*innen, präsentieren aber auch die Arbeiten anderer Künstler*innen und Kollektive. Die vermittelnde Arbeit vermischt sich so mit der eigenen oder kollektiven künstlerisch-filmischen Praxis. Es werden Zugänge zu Filmen ermöglicht, die dezidiert subjektiv sind und auf den einzelnen spezifischen Interessen der Künstler*innen gründen. Dabei geht es nicht darum, die “besten” Filme zu zeigen. Vielmehr sollen Situationen an spezifischen Orten hergestellt werden, die neue Begegnungsräume mit Bewegtbild eröffnen. Das bedeutet, Risiken einzugehen und sich einen eigenen Blick zu erarbeiten, der sich nicht (nur) an den „Top Ten-Listen“ der Festivals und Förderungen orientiert.

Wie im Programm der Golden Pixel Cooperative deutlich wird, können dies auch Räume sein, die ganz ohne das Zeigen von Bildern oder Filmen funktionieren und zugleich die Bildkraft von Sprache, Imagination und Phantasie erforschen, indem sie den Filmraum zum Hörraum machen (vgl. die Veranstaltung Herr im Garten – Gemeinsames Hören in der Medienwerkstatt, am 12.05.19).

Je nachdem, wo und wie Film gezeigt, welcher Ort filmisch bespielt wird, werden Filme anders und von anderen gesehen. Durch die Arbeit an den Räumen können Filme ungewohnte Begegnungen zwischen Filmen und Menschen herstellen. Dabei geht es nicht (nur und primär) darum, an ausgefallenen Orten Filmscreenings zu gestalten, sondern die Ordnungen im Kinoraum selbst neu zu sortieren. Wer sitzt wo? Wer schaut wo hin? Wann ist es dunkel, wann hell? Wie platzieren sich die Körper zueinander? Wo treffen sich Blicke und wie?

VETO Film trifft Golden Pixel Cooperative

Die erwähnten Fragen begleiten mich auch bei meiner Arbeit im Bereich der Filmvermittlung u.a. als Mitglied von VETO Film und beim Konzipieren von Veranstaltungen, beim Nachdenken darüber, wie ich welche Filme, wo und für wen zeigen möchte.

Ähnlich wie die Golden Pixel Cooperative sind auch die einzelnen Mitglieder*innen von VETO Film auf je ganz spezifische Weise daran interessiert, aus ihrer jeweiligen künstlerischen Praxis heraus, Videos und Filme zu vermitteln. Dabei geht es ebenso darum, einen spezifischen, vielleicht etwas „verqueerten“, detailverliebten, verträumten, abseitigen Blick auf Bewegtbild zu entwickeln und diesen in Veranstaltungen, Ausstellungen und Screenings zu artikulieren. Ein solches Vorhaben bewegt sich an den Rändern institutioneller Rahmen- und Förderbedingungen (Filmmuseen, Kinematheken, Kinos, klassische Ausstellungsräume/White Cubes, sowie an Auswertungsstrukturen der an Filmindustrie gebundene Filmförderungen) und ist deswegen in vielfacher Hinsicht prekär.

Ich möchte die oben skizzierten Fragen anhand eines konkreten Beispiels weiter auffächern und ausführen, das uns aus Wien zurück nach Hamburg führt – vom winterlichen April 2019 in den noch winterlicheren Januar 2019, von der Medienwerkstatt Wien ins Studio 45 des Künstlerhauses Wendenstrasse in Hamburg. Am 23.01.19 habe ich dort auf Einladung von Angela Anzi gemeinsam mit Helena Wittmann die Veranstaltung Time of Flight gestaltet. Weitere Involvierte, die als Stimmen und Töne im Raum schwebten, waren unsere Kompliz*innen: Riikka Tauriainen, Nikason und Emre Sarigöl.

Time of Flight – Januar in Hamburg

Anhand von Time of Flight zeigen sich für mich die Potentiale einer Filmvermittlung, die versucht, die Ästhetiken von künstlerischen Filmen in spezifische Situationen und Räume zu übertragen. Time of Flight folgte aus unserer künstlerisch-filmischen Beschäftigung mit Dauer, Sound und Raum. Im Austausch miteinander, aber unabhängig voneinander, entstanden zwei Filme 21,3°C (Helena Wittmann, 16 min, 2014) und 39 seconds latency time (Katja Lell, 13 min, 2017), die wir in dialogische Schwingungen versetzen wollten.

Beide Arbeiten zeigen zunächst alltägliche und auf den ersten Blick “banale” Bilder: einen Innenraum, einen Computerbildschirm, ein Fenster, die Fassade gegenüber, Blumen auf einem Beistelltisch. Nichts passiert. Erst durch das Aushandeln des filmischen Raums im Verhältnis zum Körper der Zuschauer*in findet in der Dauer der Filme eine Transformation statt. Beide Filme müssen mit einer bestimmten Sensibilität angeschaut werden, da sie hauptsächlich über eine minimale Soundebene funktionieren und mit Dauer und Wahrnehmung spielen. Unser Wunsch war es, eine Situation zu schaffen, in der Zuschauer*innen die Körperlichkeit dieser Arbeiten bewusst wird, es ihnen aber auch ermöglicht wird, in den filmischen Raum einzutauchen.

Die Stimmung der Filme zwischen Nacht und Tag, Wachsein und Schlafen, haben wir in den Raum übertragen. Der White Cube wurde zu einem weißen Bettenlager transformiert, mit gelb flimmernden Leuchten ausgestattet. Zwischen den Laken, Decken und Kissen lagen und saßen die Zuschauer*innen, ihre Beine, Hüften und Arme berührten sich. Während draußen Minusgrade, Regen und Wind die Körper zum Verkrampfen brachten, wurden sie hier langsam warm, weich und sanken in die textilen Oberflächen ein: 21,3°C.

Es wurde dunkel, das gelbe Flimmern der Lampen erlosch. Sie hörten unsere Stimmen Sätze der Alltäglichkeiten aus Die Dinge von George Perec lesen. Diesen folgte ein imaginärer Reisebericht durch das Krankenbettzimmer von W.G. Sebald, in dem der Körper und das Bett zu einer wabernden Masse verschmolzen.

It‘s important that we meet, even if the shared action is sleeping“ (Maerea Orama Aleara, Zitat auf unserem Flyer, entlehnt von der Veranstaltung OOOOR – GIVE IT A MONOPAUSE, 4 Jahre OOR – Fatigue Féministe*, Sonic Bedtime Stories & Stereowhispers, Oor Saloon, Zürich).

Die Laken verselbstständigen sich, schlingen sich um unsere Beine, werden zu Teilen unserer “kranken” und “krakigen” Körper. Passivität und Aktivität verschieben sich in ihren Bedeutungen. Wir schauen in ein Zimmer, 21,3°C, wir sind in dem Zimmer. Die Körper der anderen um mich herum werden zu aktiven Teilen der filmischen Performance auf der Leinwand. In der Stille, in der wir das Zimmerfenster aus 21,3°C anschauen, schweifen wir zwischen der Erinnerung an die zuvor gelesenen Texte, zwischen dem Bild und Sound auf der Leinwand und dem auf den Matratzen liegenden Körperhaufen umher.

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Filmstill “21,3°C”, Helena Wittmann 2014

driften – in einem aktiven schlafzustand – stunden und minuten träumen – gute nacht geschichten flimmern hören – ganze nächte tageweise verschlafen – stehende wellen – self-care vibrationen – bilder für schlaflose freunde atmen lassen – wärme in horizontalen blickverhältnissen finden – liegend die welt vorbeiziehen – nichts erwarten – warten – teach yourself to fly“ (Zitat auf unserem Flyer).

Nach einem Textauszug aus Stacy Alaimos poetischem Essay Jellyfish Science, Jellyfish Aesthetics: Posthuman Reconfigurations of the Sensible kehren wir mit 39 seconds latency time auch auf der Leinwand ins Bett zurück, von der aus uns sodann der bekannte Bildschirmschoner „Flurry“ hypnotisiert. „Flurry“ ist eine bunt leuchtende aus einzelnen Tentakelarmen bestehende Form, die sich rhythmisch über den Bildschirm bewegt.

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Filmstill “39 seconds latency time”, Katja Lell 2017

Während der Computer schläft, passieren im Film andere Dinge im Raum. Der an einen Octopoda erinnernde Flurry verführt in einen träumenden, driftenden Zustand. Ein (menschlicher?) Körper bewegt sich zwischen Laken, eine youtube-Meditation wird eingeschaltet, vorgespult und abgebrochen. Es dringen andere Stimmen, Geräusche aus dem dunklen Raum an uns heran. In kompletter Dunkelheit sitzen wir am Ende dieser Reise, beleuchtet von der LED-Anzeige des Kassettenplayers, der den Track Octopoda des Residency Tape 3 von Nikason (2019) spielt. –

Wieviel Zeit ist vergangen? Wo bin ich? Wo war ich? Eine besondere kollektive Situation entstand, in der wir gemeinsam alleine, nah und fern, an- und abwesend zugleich sein konnten.

Driften als ein Zwischenzustand. Zeit, die verfliegt und im Flug sanfte Linien zwischen unseren Körpern zieht und an ihnen Spuren hinterlässt. Linien, die unsere Blicke führen, aufbrechen und zwischen unseren Körpern verlaufen. Erinnerungslinien, Bilder, Farben, Wörter und Sätze, Geräusche und Töne. Linien, die sich kreuzen und darin Zwischenräume eröffnen, in denen Übertragungen von einem ins andere Medium, von einer Farbe in die andere stattfinden können.

Das Driften möchte ich in einer abschließenden These als eine Bewegung verstehen, die einer künstlerischen Vermittlung von Film eigen sein kann. Eine Vermittlung von Filmen, die die Räume in denen diese gezeigt werden, die Formate und Formen, in denen sie sichtbar und unsichtbar werden, mitdenkt. Interesse wecken heißt für mich dabei: Zwischenräume schaffen, Blickachsen verschieben, Stühle umkippen, Lichter vernebeln, Stimmengewirr herstellen und Stimmungen produzieren. Auch Übertragungen und Übergänge herstellen versuchen zwischen dem filmischen Raum und dem Raum der Aufführung. Zwischen den Stimmen, Texten, Sounds und Bildern, den Körpern, Hüften, Beinen, Blicken und Laken, um situativ andere, neue Räume und Begegnungsweisen in Bezug zu Filmen zu ermöglichen, und diese wiederum durch die Filme in Schwingungen zu versetzen.

Für die Filmvermittlung bedeutet es, dass es lange nicht ausreicht, sich über Filme verbal auseinanderzusetzen, sie zu diskutieren, zu analysieren und zu kritisieren. Länger schon ist in der Filmbildung und -vermittlung die Rede davon, die Materialitäten und Medialitäten von (künstlerischen) Filmen mit zu berücksichtigen, d.h. ihre eigenartigen Weisen des Zeigens, des Wahrnehmbar-machens und Erzählens ernst zu nehmen, wie dies z.B. im deutschsprachigen Diskurs von Manuel Zahn in seinem Buch Ästhetische Film-Bildung (2012) ausgeführt wurde.

Auch ich möchte entlang des hier skizzierten Beispiels auf die erweiterten Materialitäten der Räume verweisen, in denen die Filme gezeigt werden und für ein Einbeziehen dieser in filmvermittelnde Überlegungen plädieren. Hierzu gibt es aus einer medienökologischen Perspektive bereits Ansätze, die entlang von Fallanalysen die spezifischen Orte und Situationen mitdenken, in denen Filmvermittlung stattfindet (vgl. Zahn, Bachmann 2018).

InTime of Flight wollten wir erforschen, wie Krankheit, Müdigkeit, Kälte, Wärme, Weichheit einen Einfluss darauf haben, wie wir schauen, wie wir den Filmen und uns gegenseitig begegnen. Es war ein erster Versuch, sich den in diesem Text skizzierten Fragen zu nähern, der in Zukunft entlang weiterer Situationen, Screenings und Veranstaltungen, die wir mit VETO Film initiieren, weitergedacht werden wird.

Bezüge

Alejandro Bachmann, Manuel Zahn (2018): Film education as a multiplicity of practices: A media-ecological perspective, in: Film Education Journal, 1 (1). S. 78–89.

Golden Pixel Cooperative (aktuell: Iris Blauensteiner, Nathalie Koger, Luiza Margan, Lydia Nsiah, Simona Obholzer, Bárbara Palomi­no Ruiz, Christiana Perschon, Marlies Poeschl, Antonia Rahofer, Miae Son, Bernhard Staudinger, Viktoria Schmid, Katharina Swoboda und Lisa Truttmann)

Helena Wittmann: 21,3°C (16 min, 16 mm, 2014) http://vetofilm.com/katalog/21-3-c/

Katja Lell: 39 seconds latency time (13 min, 2017)http://vetofilm.com/katalog/39-seconds-latency-time/

Manuel Zahn (2012): Ästhetische Film-Bildung. Studien zur Materialität und Medialität filmischer Bildungsprozesse.

Nanna Lüth (2017): Investigations into Body Language. How to Advance Queer Intersectional Learning within Arts Education, in: Anja Kraus (Ed.): Scenes of Knowledge and Knowledge Acquisition at Universities in Change. S. 87- 109.

Nikason: Residency Tape 3
Seite A: Octopoda, 5:15 min / Decapoda, 3:53 min
Seite B: Cephalopoda 8:14 min / Physalis Go (Tolouse Low Trax remix bonus track 7:05 min)
https://mmodemm.bandcamp.com/album/residency-tape-3-nika-son

Oor Saloon Zürich: oor-rec.ch

Riikka Tauriainen mit Emre Sarigöl: Hydrocommons, Videoinstallation http://www.riikkatauriainen.net/news.html

Stacy Alaimo (2013): Jellyfish Science, Jellyfish Aesthetics: Posthuman Reconfigurations of the Sensible, in: Cecilia Chen, Janine MacLeod, and Astrida Neimanis (Ed.): Thinking with Water. S. 139-165.

George Perec (1967): Die Dinge.

VETO Film (Angela Anzi, Maya Connors, Marlene Denningmann, Louis Fried, Katja Lell, Felix Thiele, Nicolaas Schmidt und seit 2017 Sarah Drath)

W.G. Sebald (1995): Die Ringe des Saturn.

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